das römische Dodekaeder

Freitag, 30. September 2005 12:19

ein Problem auf der Welt…mehr oder weniger


dode1Das römische Dodekaeder von unserem geschätzten Tonmeister Guggi
a.k.a. Michael Guggenberger

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Le dodécaèdre en bronze est un objet
inaccessible et fascinant à la fois.

(D. Tuor-Clerc, 1992)

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Alle Deutungsversuche der römischen Dodekaeder (18.-21.Jh.):

Zierelement
Schmuckgehänge
Schmückender Abschluß eines Kreuzes
Bestandteil eines Feldzeichens
Knauf eines Schwertes
Waffe
Keulenkopf
Aufsatz einer Zeremonialkeule
Luxuriöser Gebrauchsgegenstand
Teil eines Weihwedels
Räuchergerät
Kerzenständer
Lichtbehältnis
Blumenständer
Ständer für einen Stab
Ständer für Glasbehältnisse
Meßinstrument
Lehre (allgemein)
Kalibriergerät für Münzrohlinge
Lehre für die Waffenfabrikation
Meßgerät für Fingerringe
Instrument für die Luren-Erzeugung
Lehre zur Vermessung und Eichung von Wasserleitungen
Zieheisen für Scharniere
Entfernungsmeßgerät
Astronomisches Vermessungsinstrument
Normmaß für Längen
Winkelmesser
Normgewicht
Universales Planungsinstrument
Gerät zur Frequenzselektion
Landwirtschaftlicher ‘Sonnenkalender’
Symbol
Symbolischer Kalender mit Bezug zu Lugdunum
Symbol für das Eisen
Assoziation mit dem Element Feuer
‘Image de l’univers’
Kultobjekt oder Amulett (mit druidischem Bezug)
Insignum als Aufsatz eines Szepters
Magisches Gerät
Wahrsagewürfel
Wahrsagependel
Gerät eines Taschenspielers
Spielgerät
Spielwürfel
Würfelkorb oder ‘Murmel-Behältnis’
Bestandteil eines Bilboquet-Sets
Dem Ringwerfen verwandtes Spiel
‘Steckspiel’
Denkspiel analog zu ‘A Voyage Round the World’
Kinderspielzeug
Meisterstück
Objekt ohne eigentliche Funktion


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Zusammenfassung der Arbeit:
Michael Guggenberger, Die römischen Dodekaeder (1999).

Die Dodekaeder gehören zu den bizarrsten Artefakten des römischen Imperiums. In ihnen manifestiert sich jene Faszination, die von Anbeginn Triebfeder archäologischen Forschens war, der Reiz des Unbekannten und Rätselhaften. Seit der ersten bekannten Notiz über ein Dodekaeder sind 260 Jahre vergangen, der Katalog der Dodekaeder ist auf eine Hundertschaft von Objekten angewachsen, eine Schar von etwa 200 Wissenschaftlern hat Artikel zum Thema veröffentlicht, und sooft man auch der Meinung war, den Sinn des Gerätes endlich erfaßt zu haben – die Fülle der Thesen zur Funktion und Bedeutung des Dodekaeders ist mittlerweile fast bis zur Unüberschaubarkeit angewachsen –, stellte sich die Interpretation entweder als unhaltbar heraus, erwies sich als unwahrscheinlich oder aber obgleich plausibel als Hypothese ohne letzte und entscheidende Bestätigung. In ihrem Erscheinungsbild bilden die römischen Dodekaeder eine geschlossene Gruppe. Zwei Drittel sind einem einzigen Typus zuzuordnen. Allen gemein ist als geometrische Grundform das regelmäßige Pentagondodekaeder ( einer der fünf sog. ‘platonischen Körper’), alle besitzen Eckkugeln und eine kreisrunde Öffnung im Zentrum jeder Fläche. Die zwölf Löcher eines Dodekaeders variieren dabei im Durchmesser.

Das Dodekaeder stellt eine Eigenheit der traditionell überwiegend keltisch geprägten nordwestlichen Provinzen des Imperiums dar und kann daher als gallorömisches Produkt bezeichnet werden. Die nördlichsten Exemplare stammen vom Hadrianswall, der östlichste Fund aus Brigetio in Pannonien, der Schwerpunkt liegt in den gallischen und germanischen Provinzen. Terminus ante quem für die ersten Dodekaeder ist der Verlust der rechtsrheinischen Gebiete, wo mehrere Dodekaeder gefunden wurden, um 260 n.Chr., das letzte Fundstück aus datierbarem Fundzusammenhang gelangte gegen Ende des 4. Jh. n.Chr. in den Boden.

Die Anwesenheit in reich ausgestatteten Gräbern und in Horten unterstreicht die Wertschätzung der Dodekaeder, die bereits der aufwendige Produktionsprozeß nahelegt. Da für diese gleichermaßen kostbaren wie auch haltbaren Objekte eine gegenüber vielen anderen, vergänglicheren und gewöhnlicheren Gegenständen, wie etwa Gebrauchskeramik, eine längere Verwendungsdauer vorausgesetzt werden darf, ist als zeitlicher Rahmen der Dodekaeder in jedem Fall die Zeit vom fortgeschrittenen 2. bis zum ausgehenden 4. Jh.n.Chr. zu veranschlagen. Dieser lange Benutzungszeitraum von mehr als 200 Jahren beweist, daß es sich keineswegs um eine kurzfristige ‘Modeerscheinung’ handelte, sondern um ein Gerät, das über mehrere Generationen in grundsätzlich unveränderter Weise hergestellt und verwendet wurde. Eine zeitliche Abfolge einzelner Dodekaeder-Typen oder etwa eine Entwicklung von kleineren zu größeren Exemplaren läßt sich nicht absehen. Auch Versuche keltische Vorläufer ausfindig zu machen schlugen fehl.

Wie die Grabfunde zeigen, wurden die Dodekaeder von Männern und Frauen benutzt. Als Besitzerschicht kristallisiert sich eine wohlhabendere Personengruppe – fundraumbedingt – vorwiegend keltischer Abstammung heraus, die, wie die Vielfalt der Fundplätze zeigt, sowohl im zivilen als auch militärischen Umfeld tätig war. Die beachtliche Zahl von bereits über 100 bekannt gewordenen Dodekaedern weist zugleich darauf hin, daß es sich um einen relativ häufigen Gegenstand gehandelt haben muß, was wiederum ausschließt, daß die Dodekaederbesitzer einem elitären Zirkel angehörten.

Antike bildliche Darstellungen fehlen. Das spricht einerseits gegen einen offiziellen Charakter der Dodekaeder, andererseits – ruft man sich die vielen Berufsdarstellungen im gallischen Raum in Erinnerung – gegen eine Verbindung mit einem bestimmten Beruf im herkömmlichen Sinn. Auch die Schriftquellen des Altertums schweigen, ein Argument gegen große allgemeine Relevanz. Die unterschiedlichen Fundsituationen in Verbindung mit der Abwesenheit in Heiligtümern schließt einen Zusammenhang mit öffentlichen religiösen Kulten aus und läßt erahnen, daß die Nutzung der Dodekaeder an keine spezielle Lokalität gebunden war.

Die Fundumstände sind bei vielen Dodekaedern gar nicht oder nicht näher bekannt, auch besser dokumentierte Zusammenhänge haben keinen unumstößlichen und entscheidenden Hinweis auf die Funktion ergeben. Mehr verwirrend als hilfreich sind die angeblichen Spuren von ‘gelbem Wachs’ im Inneren des vor etwa hundert Jahren gefundenen Dodekaeders von Feldberg, da die Angabe schon allein wegen der hier extremen Unwahrscheinlichkeit der Konservierung von Wachs in Zweifel zu ziehen ist. Sollte es sich dennoch um Wachs gehandelt haben, könnte dieses auch aus Gründen, die mit der ursprünglichen Nutzung des Dodekaeders nichts zu tun hatten, hineingelangt sein.

Die zweifellos bemerkenswerteste Fundsituation ist die des Dodekaeders von Gellep, unmittelbar bei einem stabförmigen Objekt aus Bein. Da es sich aufgrund seiner Erhaltung – vom Skelett haben sich nur die Zähne erhalten – und Lage innerhalb des Grabes nicht um einen menschlichen Knochen handeln kann, ist das Stück als Teil des Grabinventars anzusehen, wobei die Nähe zum Dodekaeder eine funktionale Verbindung zwischen beiden Gegenständen nahelegt. Umso bedauernswerter ist, daß dieses Beinstück für Untersuchungen nicht zur Verfügung steht, weil es wegen der widrigen Bodenverhältnisse so schlecht erhalten war, daß es nicht geborgen werden konnte.

Alle Dodekaeder bestehen aus Kupferlegierungen (Bronze) und wurden, soweit untersucht, ausnahmslos in herstellungstechnisch anspruchsvoller Weise im Wachsausschmelzverfahren gegossen. Die Eckkugeln wurden bei vielen Exemplaren erst nach dem Guß angebracht. Zumindest beim Großteil der Dodekaeder wurden zehn der zwölf Öffnungen im Rahmen der Kaltarbeit gebohrt, wohingegen ein Lochpaar (Produktionsöffnungen) bereits im Wachsmodell angelegt war, um zwei Kernhaltern Platz zu bieten. Die Guß- und Entlüftungskanäle wurden an den Ecken des Dodekaedermodells angebracht.

Das Größenspektrum der Dodekaeder ist mit einer Höhe (ohne Eckkugeln) von etwa vier bis zehn Zentimetern relativ eng begrenzt, was darauf hindeutet, daß die Größe für die Nutzung des Objekts eine relevante Rolle spielte.

Mit circa 30 bis 580 Gramm bei nur einem ‘Ausreißer’ über 1000 Gramm sind die Dodekaeder im Verhältnis zur Größe aufgrund ihrer außerordentlich dünnen Wandung von meist einem knappen bis zwei Millimeter durchwegs sehr leicht. Das niedrige Gewicht sollte daher, gerade weil die geringe Wandstärke für die Produktion eine Erschwernis darstellt, im Interesse der Nutzung des Dodekaeders gelegen sein. Zugleich zeigt sich, daß das Dodekaeder, insbesonders dessen Öffnungsränder, ganz offensichtlich nicht für größere mechanische Belastungen konzipiert wurde.

Kein Dodekaeder ist mit Schriftzeichen versehen, auch anderwärtige Markierungen fehlen. Die meist vorhandenen konzentrischen Kreise um die Öffnungen, aber auch die bisweilen vorhandenen Kreisaugen eignen sich keinesfalls zur Unterscheidung der zwölf Flächen. Auch eine symbolistische Ausdeutung dieser Verzierung ist nicht zielführend, handelt es sich dabei doch um zwei der geläufigsten und schlichtesten Verzierungselemente der römischen Kaiserzeit. Nur den Gesetzen des horror vacui folgend füllen sie die verbleibenden Zonen rings um die Löcher, die sie betonen, aus. An weiteren Verzierungen der Oberfläche treten sehr selten gerade Linien auf sowie Kerben, die Kanten und Öffnungsränder untergliedern.

Die stets vorhandenen Eckkugeln könnten als Standfüßchen gedient haben, aber auch als reine Verzierung bzw. Betonung der Eckpunkte, dem fast ausnahmslos vorhandenen Dekor der Flächen an die Seite gestellt, ist ihre Existenz durchaus zu rechtfertigen, zumal der römische Hang zur Verzierung von Ecken und anderen Vorsprüngen nicht zu verkennen ist. Als nächstverwandtes Vergleichsobjekt ist hier das bronzene Ikosaeder von Arloff zu nennen. Auch herstellungstechnische Maßnahmen (Guß- und Entlüftungskanäle) könnten förderlich bzw. animierend gewesen sein. Eine (zusätzliche) Bedeutung im Rahmen einer Astralsymbolik ist nicht auszuschließen, doch aufgrund der Formenvielfalt – tatsächliche Kugelgestalt wird nur in den seltensten Fällen erreicht – nicht allzu plausibel.

Den Löchern der Dodekaeder, die Durchmesser zwischen sechs und 40 Millimeter aufweisen, liegt, wie die eingehende Analyse der Maße ergibt, als einzige Gesetzmäßigkeit die stetige Varianz ihrer Größe zugrunde, sie folgen weder Norm noch Zahl. Auch daß die Öffnungen eines Lochpaars häufig ähnliche Durchmesser besitzen, kann wegen der zu vielen Ausnahmen nicht zum funktionalen Wesensmerkmal erhoben werden, vielmehr ist darin wohl der Versuch zu erkennen, die unterschiedlich großen Öffnungen ausgewogener über die zwölf Seiten des Dodekaeders zu verteilen. Eine Erklärung der Löcher als drittes Schmuckelement neben Eckkugeln und Flächendekor ist aufgrund der Öffnungsdurchmesser undenkbar, da sie mit antikem Ästhetikempfinden nicht zu vereinbaren ist. Ihre Funktion ist daher im praktischen oder symbolischen Bereich zu suchen. Der Großteil der Dodekaeder besitzt ein großes Produktionslochpaar. Daß es in zahlreichen Fällen ganz erheblich von der kreisrunden Form abweicht, zeigt, wie wenig Augenmerk hier auf eine genaue Formgebung gelegt wurde, sodaß sich die Frage stellt, ob diese Öffnungen beim fertigen Produkt überhaupt sichtbar waren.

Die Ästhetik der Pentagondodekaeder-Form eröffnet sich nicht durch unvoreingenommenen Augenschein, sondern gründet sich auf deren geistesgeschichtlichen Hintergrund. Antike Gelehrte unterstreichen durchwegs die kosmische Bedeutung dieses Zwölfflächners, die platonisch-pythagoräischer Symbolsprache entspringt. Das Pentagondodekaeder als regelmäßiges Polyeder, als fünfter, erstaunlichster und anspruchsvollster der ‘platonischen Körper’ fungiert hier durchwegs als allumfassendes Symbol, als Sinnbild des Universums. Die im wesentlichen auf den mannigfaltigen Assoziationsmöglichkeiten mit den zwölf Seiten des Dodekaeders beruhende Anschaulichkeit dieser Symbolik wie auch das mit den Namen der Tierkreiszeichen versehene Silberdodekaeder von Genf und im weiteren mit Zahlzeichen versehene antike Dodekaederwürfel, die (auch) für Wahrsagespiele Verwendung gefunden haben dürften, deuten an, daß in der römischen Kaiserzeit mit einer gewissen Breitenwirkung dieser ursprünglich in elitären griechischen Philosophenzirkeln herausgebildeten Ansichten gerechnet werden kann. Von einem symbolistischen Gehalt unserer strikt auf die höchst spezielle Pentagondodekaeder-Form beschränkten Objektgruppe, deren Benennung mit gutem Recht ihren elementarsten Wesenszug aufgreift, ist daher unbedingt auszugehen. Es bleibt freilich zu diskutieren, wie eng die Anbindung an diesen Symbolismus war, ob und wie sehr er im Vordergrund stand.

Der größte Teil der annähernd 50 im Laufe der 260-jährigen Forschungsgeschichte aufgestellten Thesen zur Funktion und Bedeutung des Dodekaeders kann ausgeschlossen oder als höchst unwahrscheinlich eingestuft werden.

Die Deutung als Zierelement – ganz abgesehen von indiskutablen Details einzelner Thesen in diese Richtung – ist vor allem auf Grund der strikten Beschränkung auf die Dodekaederform und die verschieden großen Öffnungen auszuschließen. Das gleiche gilt für das Nippesgerät, also ein Objekt ohne eigentliche Funktion, und die Theorie vom Meisterstück.

Erklärungsversuche als Waffe (Keulenkopf) sind natürlich nur als kurioses Detail der Forschungsgeschichte zu betrachten.

Von den Deutungen als luxuriöser Gebrauchsgegenstand bleibt – auch ohne Stützung durch die angeblichen Wachsspuren in einem Dodekaeder – die Erklärung als vielkalibriger Kerzenständer diskutabel. Sie bietet zunächst den Vorzug, alle wesentlichen Eigenschaften des Dodekaeders, von den Öffnungen über die Eckkugeln bis hin zur Dimensionierung des gesamten Objekts zu erklären und zugleich die symbolische Bedeutung nicht auszuschließen. Weiters unterliegen wie die Löcher des Dodekaeders auch Kerzen keiner strengen Normierung; daß die Öffnungsränder oft in sehr gutem Zustand sind, wäre bei ausschließlichem Kontakt mit Wachs durchaus verständlich. Es vereinte sich in einem Stück universale Gebrauchsmöglichkeit mit kosmischer Symbolik bzw. der daraus resultierenden eigentümlichen Ästhetik des Dodekaeders. Die Hauptargumente gegen die Deutung als Kerzenständer sind das große, teilweise unförmige Produktionslochpaar, welches nicht auf Sicht gearbeitet zu sein scheint und für die Montage des Dodekaeders spricht, sowie die sehr dünne Wandung im Bereich der Öffnungsränder bzw. das betont geringe Gewicht der meisten Dodekaeder.

Die Deutung als Entfernungsmesser ist aufgrund der Öffnungsradien der Dodekaeder unwiderruflich auszuschließen. Die Erklärung als genormtes Kalibermeßinstrument ist wegen der fehlenden Norm der Öffnungen unmöglich, jene als Lehre für den individuellen Gebrauch in der Werkstatt zwar theoretisch denkbar, aber abzulehnen, weil durch die Produktionsöffnungen unnötigerweise ein Lochpaar nicht für Vermessungen herangezogen werden kann, das Dodekaeder keinerlei Markierungen der Seiten aufweist, bei zu vielen Dodekaedern die Ränder der gebohrten Öffnungen unbenützt, wie neuwertig wirken und (auch) einfachere metallene Lehren unbedingt zu erwarten wären. Alle anderen Erklärungen als Meßinstrument (Normgewicht, landwirtschaftlicher ‘Sonnenkalender’ usw.) sind, unabhängig von ihrer bereits grundsätzlichen Abwegigkeit betrachtet, mit den physischen Gegebenheiten der Dodekaeder unvereinbar.

Von den Erklärungen als Spielgerät soll hier nur noch an die zwei wichtigsten erinnert werden. Die Deutung als Bestandteil eines Bilboquet-Sets ist zwar meines Erachtens überaus reizvoll und ließe sich mit dem Grabbefund von Gellep in Einklang bringen, ist jedoch aufgrund der Verletzungsgefahr bei gleichzeitiger Fragilität des Objekts sowie der vielen bestens erhaltenen Öffnungsränder – leider – sehr unwahrscheinlich. Die Bewertung als völlig profanes Spiel ohne Hintergründigkeit ist wegen der ausschließlichen Beschränkung auf die Dodekaederform undenkbar. Auch eine Erklärung als gewöhnlicher Spielwürfel ist aufgrund der Formgebung und der Öffnungen bzw. fehlender Markierungen unmöglich.

Die Deutung als Wahrsagewürfel ruft tatsächlich zum Würfeln verwendete antike Dodekaeder in Erinnerung. Die Eckkugeln sind dabei zwar nicht weiter hinderlich, würden hier aber nur dann eine Daseinsberechtigung besitzen, wenn sie eine Schutzfunktion erfüllten. Da die unterschiedliche Größe der Öffnungen jedoch entschieden der These widerspricht, sie seien mit einer vergänglichen, empfindlicheren Substanz (Wachs, Bein …), die als Träger für ein Zeichen oder Symbol gedient hätte, verschlossen gewesen, ist auch diese Theorie auszuscheiden. Die einzige würfelähnliche Verwendung (in Verbindung mit Wahrsagerei), die die Löcher des Dodekaeders hinreichend bedingen würde und deshalb – theoretisch – in Betracht kommt, ist jene, bei der ein Gegenstand hineingesteckt werden müßte. Hierzu fehlen freilich gesicherte Vergleichsbeispiele, außerdem verwundern neuerlich Eckkugeln und unregelmäßige Öffnungen.

Bleibt die vorrangige Erklärung als Symbol. Hier kommt aus den geschilderten Gründen nur die Anknüpfung an – im weitesten Sinn – platonisch-pythagoräisches Gedankengut in Frage, welches das Dodekaeder für die römische Antike unzertrennlich mit universalistisch-kosmischen bis astral-magischen Vorstellungen verknüpft.

Das grundlegende Dilemma der Deutungsbemühungen besteht weiterhin darin, die unterschiedlich großen, nach einer nützlichen Funktion geradezu verlangenden, jedoch weitgehend systemlos angeordneten Öffnungen mit der geistesgeschichtlich bedeutungsschweren geometrischen Grundform in Einklang bringen zu müssen.

Mehr denn je spricht für eine Montage des Dodekaeders auf einem Schaft. Zum bislang wichtigsten Argument, dem großen Produktionslochpaar vieler Dodekaeder, das überdies bisweilen auch Beschädigungen durch Gewalteinwirkung zeigt, sowie dem geringen Gewicht, dem passenden Größenspektrum und dem vorteilhaften Nebeneffekt, daß die ungeglättete Innenseite, die noch allerlei Spuren vom Gußverfahren zeigt, kaum mehr zu sehen ist, kommt die neu zu bewertende Fundsituation des Dodekaeders von Gellep, seine Lage in unmittelbarer Nähe eines schaftartigen Beinstücks hinzu. Wie ein Griff war es bei der Auffindung auf das Dodekaeder ausgerichtet, und der ungefähr zu bestimmende Durchmesser des Objekts korrespondiert mit dem größten Öffnungspaar des Dodekaeders.

Eine weitere Unterstützung findet diese Theorie im Ikosaeder von Arloff, für das mit gutem Grund eine Montage angenommen werden kann. Aufgesteckt bleibt freilich im Grunde nur noch eine gänzlich symbolische Funktion übrig. Damit ist das Dodekaeder zweifelsohne als Aufsatz eines Stabes, einer Art ‘Szepter’ mit symbolhafter Bedeutung zu bezeichnen, als Würdezeichen oder Insignum bzw. Instrument kosmisch-astraler Macht. Druiden, die aufgrund des Verbreitungsgebietes der Dodekaeder ins Spiel gebracht wurden, kommen wegen der Fundumstände, der zeitlichen Einordnung und der Häufigkeit kaum als Besitzergruppe in Frage, sehr wohl jedoch Personen, die druidischen Traditionen nahestehen. Wegen des römisch-kaiserzeitlichen Umfeldes und der Pentagondodekaeder-Grundform darf dabei jedoch das keltische Element keinesfalls überbewertet werden.

Daß kein mit Edelmetall überzogenes Dodekaeder bekannt ist, mutet im Falle einer repräsentativen Funktion wie dieser etwas seltsam an und wäre als weiteres Indiz dafür anzusehen, daß man sich hier keineswegs in einem erlesenen, elitären Zirkel von Eingeweihten bewegt, sondern vielmehr an niedererere Astrologie, Wahrsagerei, Magie und Theurgie zu denken ist, an das Gerät eines einfachen Astromanten, eines Hellsehers oder Zauberers, eines gemeinen Alchemisten oder Quacksalbers, der durchaus auch einem ‘weltlichen’ Beruf nachgegangen sein mag oder seine besonderen Fähigkeiten und Künste in der Freizeit zur Entfaltung brachte und anbot. Derlei Personen dürften in der fortgeschrittenen römischen Kaiserzeit, einer Periode zunehmender Verunsicherung durch Bedrohungen von außen und wachsender Sterngläubigkeit durch Impulse aus dem Osten, gewiß an jedem größeren Ort der Nordwestprovinzen, sei es in Zivilsiedlungen oder in Militärstätten, in privater Atmosphäre aber auch in halböffentlichem Rahmen, vermehrt aufgetreten sein. Von einer symbolischen Rolle des Materials ist, auch wenn ein kaiserzeitliches ägyptisches Zauberpapyrus die Nutzung des Elements Kupfer im Rahmen der Erstellung von Horoskopen belegt, angesichts der Gewöhnlichkeit des Werkstoffes und seiner produktionstechnischen Bedingtheit nicht auszugehen.

Das große Fragezeichen hinter der Montage des Dodekaeders stellen immer noch die verbleibenden zehn verschieden großen Öffnungen dar. Da eine reine Zierfunktion nicht in Betracht kommt und eine praktische Funktion bei durchgestecktem Schaft absurd scheint, ist darin Symbolismus zu suchen. Hier kommt im Grunde nur neuerlich Astralsymbolik in Ergänzung zur Dodekaeder-Form in Betracht; wie sie im Detail ausgesehen haben mag (Sonne, Mond, Planeten, Sterne; verschiedene Phasen eines Gestirns?), läßt sich kaum eruieren. Bei theurgischen Prozeduren ist es unerläßlich, das zu beschwörende Wesen bei allen seinen Namen zu nennen und so sämtliche seiner Eigenheiten zu erfassen, um damit die Einflußnahme zu vergrößern. Die verschieden großen Öffnungen des Dodekaeders könnten hier eine ergänzende Funktion übernommen haben. Und wer weiß, vielleicht sollten die Öffnungen gar dazu dienen, die astrale Macht in das Innere des Gerätes hineinzuzwingen. Auch wenn das alles Spekulationen sein mögen und die Frage nach der genauen Funktion und Bedeutung offen bleiben muß, stehen diese kreisrunden Öffnungen nicht im Widerspruch mit der Montage. Im übrigen ist darauf hinzuweisen, daß bei anderen Theorien weitaus stärkere Einwände und Gegenargumente vorgebracht werden können.

Bis auf weiteres ist der Deutung des Dodekaeders als kosmisch-allumfassendes Zeichen am meisten Wahrscheinlichkeit beizumessen. Es mag die einem Amulett vergleichbare Funktion besessen haben. Als eine Art Szepteraufsatz mit symbolistischer Funktion dürfte es aber darüberhinaus bei astromantischen bis theurgischen Praktiken als astral-magisches Gerät, als Instrument zur Befragung der Sterne oder Einflußnahme auf Götter bzw. Dämonen gedient haben.

Nun ruht die Hoffnung auf einer noch genaueren Untersuchung der bekannten Dodekaeder, vor allem aber auf weiteren Exemplaren, die der Forschung in absehbarer Zukunft zweifelsohne zur Verfügung stehen werden. Von großem Nutzen erweist sich bei der Erschließung sämtlicher verfügbarer Quellen und Daten bereits jetzt die weltweite Vernetzung, Artikel im Internet und Wissensaustausch über eMail. In Museen und Privatsammlungen harrt noch eine Vielzahl von Dodekaedern ihrer Entdeckung, mit größter Spannung aber wird sich das Augenmerk auf Frischfunde aus geregelten wissenschaftlichen Grabungen mit aussagekräftigen Zusammenhängen richten. Dem glücklichen Finder möge beschieden sein, dieses Dodekaeder in einem aussagekräftigen Zusammenhang wohlerhalten anzutreffen. Bis dahin gilt, was Daniel Bruckner bereits 1763 so trefflich formulierte:

ETWAS GEWISSES HIEVON ZU BESTIMMEN
WAERE EIN GEWAGTES


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Michael Guggenberger
(geb. 1. 1. 1971), Klassischer Archäologe
St. Nikolausgasse 14 6020 Innsbruck

Literaturhinweise:
M. GUGGENBERGER, Die römischen Dodekaeder. Eine Gesamtdarstellung (Dipl. Innsbruck 1999).
M. GUGGENBERGER, Etwas Gewisses hievon zu bestimmen waere ein Gewagtes.
260 Jahre Dodekaeder Forschung, Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 80/2000 (2001), 67-84.
B.A. GREINER, Römische Dodekaeder. Untersuchungen zur Typologie, Herstellung, Verbreitung und Funktion, in: CarnuntumJb 1995 (1996) 9-44.
R. NOUWEN, De Romeinse Pentagon-dodecaeder. Mythe en enigma, Publikaties van het Provinciaal Gallo-Romeins Museum te Tongeren 45 (1993).


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© Michael Guggenberger

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