Das gallorömische Dodekaeder

Freitag, 30. September 2005 12:19

ein Problem auf der Welt … mehr oder weniger

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Die gallorömischen Dodekaeder

(gallo-roman dodecahedron)

Ein Bericht von unserem geschätzten Tonmeister Guggi
a.k.a. Michael Guggenberger

“Le dod√©ca√®dre en bronze est un objet
inaccessible et fascinant √† la fois.”

(D. Tuor-Clerc, 1992)

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Alle wissenschaftlichen Deutungsversuche der römischen Dodekaeder (18.-21.Jh.):

Zierelement
Schmuckgehänge
Schm√ľckender Abschlu√ü eines Kreuzes
Bestandteil eines Feldzeichens
Knauf eines Schwertes
Waffe
Keulenkopf
Aufsatz einer Zeremonialkeule
Luxuriöser Gebrauchsgegenstand
Teil eines Weihwedels
Räuchergerät
Kerzenständer
Lichtbehältnis
Blumenständer
St√§nder f√ľr einen Stab
St√§nder f√ľr Glasbeh√§ltnisse
Meßinstrument
Lehre (allgemein)
Kalibrierger√§t f√ľr M√ľnzrohlinge
Lehre f√ľr die Waffenfabrikation
Me√üger√§t f√ľr Fingerringe
Instrument f√ľr die Luren-Erzeugung
Lehre zur Vermessung und Eichung von Wasserleitungen
Zieheisen f√ľr Scharniere
Entfernungsmeßgerät
Astronomisches Vermessungsinstrument
Normma√ü f√ľr L√§ngen
Winkelmesser
Normgewicht
Universales Planungsinstrument
Gerät zur Frequenzselektion
Landwirtschaftlicher ‘Sonnenkalender’
Symbol
Symbolischer Kalender mit Bezug zu Lugdunum
Symbol f√ľr das Eisen
Assoziation mit dem Element Feuer
‘Image de l’univers’
Kultobjekt oder Amulett (mit druidischem Bezug)
Insignum als Aufsatz eines Szepters
Magisches Gerät
Wahrsagew√ľrfel
Wahrsagependel
Gerät eines Taschenspielers
Spielgerät
Spielw√ľrfel
W√ľrfelkorb oder ‘Murmel-Beh√§ltnis’
Bestandteil eines Bilboquet-Sets
Dem Ringwerfen verwandtes Spiel
‘Steckspiel’
Denkspiel analog zu ‘A Voyage Round the World’
Kinderspielzeug
Meisterst√ľck
Objekt ohne eigentliche Funktion

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Michael Guggenberger,

Die römischen Dodekaeder (Innsbruck 1999, unpublizierte Diplomarbeit)

Zusammenfassung

Die Dodekaeder geh√∂ren zu den bizarrsten Artefakten des r√∂mischen Imperiums. In ihnen manifestiert sich jene Faszination, die von Anbeginn Triebfeder arch√§ologischen Forschens war, der Reiz des Unbekannten und R√§tselhaften. Seit der ersten bekannten Notiz √ľber ein Dodekaeder sind 260 Jahre vergangen, der Katalog der Dodekaeder ist auf eine Hundertschaft von Objekten angewachsen, eine Schar von etwa 200 Wissenschaftlern hat Artikel zum Thema ver√∂ffentlicht, und sooft man auch der Meinung war, den Sinn des Ger√§tes endlich erfa√üt zu haben ‚Äď die F√ľlle der Thesen zur Funktion und Bedeutung des Dodekaeders ist mittlerweile fast bis zur Un√ľberschaubarkeit angewachsen ‚Äď, stellte sich die Interpretation entweder als unhaltbar heraus, erwies sich als unwahrscheinlich oder aber obgleich plausibel als Hypothese ohne letzte und entscheidende Best√§tigung. In ihrem Erscheinungsbild bilden die r√∂mischen Dodekaeder eine geschlossene Gruppe. Zwei Drittel sind einem einzigen Typus zuzuordnen. Allen gemein ist als geometrische Grundform das regelm√§√üige Pentagondodekaeder ( einer der f√ľnf sog. ‘platonischen K√∂rper’), alle besitzen Eckkugeln und eine kreisrunde √Ėffnung im Zentrum jeder Fl√§che. Die zw√∂lf L√∂cher eines Dodekaeders variieren dabei im Durchmesser.

Das Dodekaeder stellt eine Eigenheit der traditionell √ľberwiegend keltisch gepr√§gten nordwestlichen Provinzen des Imperiums dar und kann daher als gallor√∂misches Produkt bezeichnet werden. Die n√∂rdlichsten Exemplare stammen vom Hadrianswall, der √∂stlichste Fund aus Brigetio in Pannonien, der Schwerpunkt liegt in den gallischen und germanischen Provinzen. Terminus ante quem f√ľr die ersten Dodekaeder ist der Verlust der rechtsrheinischen Gebiete, wo mehrere Dodekaeder gefunden wurden, um 260 n.Chr., das letzte Fundst√ľck aus datierbarem Fundzusammenhang gelangte gegen Ende des 4. Jh. n.Chr. in den Boden.

Die Anwesenheit in reich ausgestatteten Gr√§bern und in Horten unterstreicht die Wertsch√§tzung der Dodekaeder, die bereits der aufwendige Produktionsproze√ü nahelegt. Da f√ľr diese gleicherma√üen kostbaren wie auch haltbaren Objekte eine gegen√ľber vielen anderen, verg√§nglicheren und gew√∂hnlicheren Gegenst√§nden, wie etwa Gebrauchskeramik, eine l√§ngere Verwendungsdauer vorausgesetzt werden darf, ist als zeitlicher Rahmen der Dodekaeder in jedem Fall die Zeit vom fortgeschrittenen 2. bis zum ausgehenden 4. Jh.n.Chr. zu veranschlagen. Dieser lange Benutzungszeitraum von mehr als 200 Jahren beweist, da√ü es sich keineswegs um eine kurzfristige ‘Modeerscheinung’ handelte, sondern um ein Ger√§t, das √ľber mehrere Generationen in grunds√§tzlich unver√§nderter Weise hergestellt und verwendet wurde. Eine zeitliche Abfolge einzelner Dodekaeder-Typen oder etwa eine Entwicklung von kleineren zu gr√∂√üeren Exemplaren l√§√üt sich nicht absehen. Auch Versuche keltische Vorl√§ufer ausfindig zu machen schlugen fehl.

Wie die Grabfunde zeigen, wurden die Dodekaeder von M√§nnern und Frauen benutzt. Als Besitzerschicht kristallisiert sich eine wohlhabendere Personengruppe ‚Äď fundraumbedingt ‚Äď vorwiegend keltischer Abstammung heraus, die, wie die Vielfalt der Fundpl√§tze zeigt, sowohl im zivilen als auch milit√§rischen Umfeld t√§tig war. Die beachtliche Zahl von bereits √ľber 100 bekannt gewordenen Dodekaedern weist zugleich darauf hin, da√ü es sich um einen relativ h√§ufigen Gegenstand gehandelt haben mu√ü, was wiederum ausschlie√üt, da√ü die Dodekaederbesitzer einem elit√§ren Zirkel angeh√∂rten.

Antike bildliche Darstellungen fehlen. Das spricht einerseits gegen einen offiziellen Charakter der Dodekaeder, andererseits ‚Äď ruft man sich die vielen Berufsdarstellungen im gallischen Raum in Erinnerung ‚Äď gegen eine Verbindung mit einem bestimmten Beruf im herk√∂mmlichen Sinn. Auch die Schriftquellen des Altertums schweigen, ein Argument gegen gro√üe allgemeine Relevanz. Die unterschiedlichen Fundsituationen in Verbindung mit der Abwesenheit in Heiligt√ľmern schlie√üt einen Zusammenhang mit √∂ffentlichen religi√∂sen Kulten aus und l√§√üt erahnen, da√ü die Nutzung der Dodekaeder an keine spezielle Lokalit√§t gebunden war.

Die Fundumst√§nde sind bei vielen Dodekaedern gar nicht oder nicht n√§her bekannt, auch besser dokumentierte Zusammenh√§nge haben keinen unumst√∂√ülichen und entscheidenden Hinweis auf die Funktion ergeben. Mehr verwirrend als hilfreich sind die angeblichen Spuren von ‘gelbem Wachs’ im Inneren des vor etwa hundert Jahren gefundenen Dodekaeders von Feldberg, da die Angabe schon allein wegen der hier extremen Unwahrscheinlichkeit der Konservierung von Wachs in Zweifel zu ziehen ist. Sollte es sich dennoch um Wachs gehandelt haben, k√∂nnte dieses auch aus Gr√ľnden, die mit der urspr√ľnglichen Nutzung des Dodekaeders nichts zu tun hatten, hineingelangt sein.

Die zweifellos bemerkenswerteste Fundsituation ist die des Dodekaeders von Gellep, unmittelbar bei einem stabf√∂rmigen Objekt aus Bein. Da es sich aufgrund seiner Erhaltung ‚Äď vom Skelett haben sich nur die Z√§hne erhalten ‚Äď und Lage innerhalb des Grabes nicht um einen menschlichen Knochen handeln kann, ist das St√ľck als Teil des Grabinventars anzusehen, wobei die N√§he zum Dodekaeder eine funktionale Verbindung zwischen beiden Gegenst√§nden nahelegt. Umso bedauernswerter ist, da√ü dieses Beinst√ľck f√ľr Untersuchungen nicht zur Verf√ľgung steht, weil es wegen der widrigen Bodenverh√§ltnisse so schlecht erhalten war, da√ü es nicht geborgen werden konnte.

Alle Dodekaeder bestehen aus Kupferlegierungen (Bronze) und wurden, soweit untersucht, ausnahmslos in herstellungstechnisch anspruchsvoller Weise im Wachsausschmelzverfahren gegossen. Die Eckkugeln wurden bei vielen Exemplaren erst nach dem Gu√ü angebracht. Zumindest beim Gro√üteil der Dodekaeder wurden zehn der zw√∂lf √Ėffnungen im Rahmen der Kaltarbeit gebohrt, wohingegen ein Lochpaar (Produktions√∂ffnungen) bereits im Wachsmodell angelegt war, um zwei Kernhaltern Platz zu bieten. Die Gu√ü- und Entl√ľftungskan√§le wurden an den Ecken des Dodekaedermodells angebracht.

Das Gr√∂√üenspektrum der Dodekaeder ist mit einer H√∂he (ohne Eckkugeln) von etwa vier bis zehn Zentimetern relativ eng begrenzt, was darauf hindeutet, da√ü die Gr√∂√üe f√ľr die Nutzung des Objekts eine relevante Rolle spielte.

Mit circa 30 bis 580 Gramm bei nur einem ‘Ausrei√üer’ √ľber 1000 Gramm sind die Dodekaeder im Verh√§ltnis zur Gr√∂√üe aufgrund ihrer au√üerordentlich d√ľnnen Wandung von meist einem knappen bis zwei Millimeter durchwegs sehr leicht. Das niedrige Gewicht sollte daher, gerade weil die geringe Wandst√§rke f√ľr die Produktion eine Erschwernis darstellt, im Interesse der Nutzung des Dodekaeders gelegen sein. Zugleich zeigt sich, da√ü das Dodekaeder, insbesonders dessen √Ėffnungsr√§nder, ganz offensichtlich nicht f√ľr gr√∂√üere mechanische Belastungen konzipiert wurde.

Kein Dodekaeder ist mit Schriftzeichen versehen, auch anderw√§rtige Markierungen fehlen. Die meist vorhandenen konzentrischen Kreise um die √Ėffnungen, aber auch die bisweilen vorhandenen Kreisaugen eignen sich keinesfalls zur Unterscheidung der zw√∂lf Fl√§chen. Auch eine symbolistische Ausdeutung dieser Verzierung ist nicht zielf√ľhrend, handelt es sich dabei doch um zwei der gel√§ufigsten und schlichtesten Verzierungselemente der r√∂mischen Kaiserzeit. Nur den Gesetzen des horror vacui folgend f√ľllen sie die verbleibenden Zonen rings um die L√∂cher, die sie betonen, aus. An weiteren Verzierungen der Oberfl√§che treten sehr selten gerade Linien auf sowie Kerben, die Kanten und √Ėffnungsr√§nder untergliedern.

Die stets vorhandenen Eckkugeln k√∂nnten als Standf√ľ√üchen gedient haben, aber auch als reine Verzierung bzw. Betonung der Eckpunkte, dem fast ausnahmslos vorhandenen Dekor der Fl√§chen an die Seite gestellt, ist ihre Existenz durchaus zu rechtfertigen, zumal der r√∂mische Hang zur Verzierung von Ecken und anderen Vorspr√ľngen nicht zu verkennen ist. Als n√§chstverwandtes Vergleichsobjekt ist hier das bronzene Ikosaeder von Arloff zu nennen. Auch herstellungstechnische Ma√ünahmen (Gu√ü- und Entl√ľftungskan√§le) k√∂nnten f√∂rderlich bzw. animierend gewesen sein. Eine (zus√§tzliche) Bedeutung im Rahmen einer Astralsymbolik ist nicht auszuschlie√üen, doch aufgrund der Formenvielfalt ‚Äď tats√§chliche Kugelgestalt wird nur in den seltensten F√§llen erreicht ‚Äď nicht allzu plausibel.

Den L√∂chern der Dodekaeder, die Durchmesser zwischen sechs und 40 Millimeter aufweisen, liegt, wie die eingehende Analyse der Ma√üe ergibt, als einzige Gesetzm√§√üigkeit die stetige Varianz ihrer Gr√∂√üe zugrunde, sie folgen weder Norm noch Zahl. Auch da√ü die √Ėffnungen eines Lochpaars h√§ufig √§hnliche Durchmesser besitzen, kann wegen der zu vielen Ausnahmen nicht zum funktionalen Wesensmerkmal erhoben werden, vielmehr ist darin wohl der Versuch zu erkennen, die unterschiedlich gro√üen √Ėffnungen ausgewogener √ľber die zw√∂lf Seiten des Dodekaeders zu verteilen. Eine Erkl√§rung der L√∂cher als drittes Schmuckelement neben Eckkugeln und Fl√§chendekor ist aufgrund der √Ėffnungsdurchmesser undenkbar, da sie mit antikem √Ąsthetikempfinden nicht zu vereinbaren ist. Ihre Funktion ist daher im praktischen oder symbolischen Bereich zu suchen. Der Gro√üteil der Dodekaeder besitzt ein gro√ües Produktionslochpaar. Da√ü es in zahlreichen F√§llen ganz erheblich von der kreisrunden Form abweicht, zeigt, wie wenig Augenmerk hier auf eine genaue Formgebung gelegt wurde, soda√ü sich die Frage stellt, ob diese √Ėffnungen beim fertigen Produkt √ľberhaupt sichtbar waren.

Die √Ąsthetik der Pentagondodekaeder-Form er√∂ffnet sich nicht durch unvoreingenommenen Augenschein, sondern gr√ľndet sich auf deren geistesgeschichtlichen Hintergrund. Antike Gelehrte unterstreichen durchwegs die kosmische Bedeutung dieses Zw√∂lffl√§chners, die platonisch-pythagor√§ischer Symbolsprache entspringt. Das Pentagondodekaeder als regelm√§√üiges Polyeder, als f√ľnfter, erstaunlichster und anspruchsvollster der ‘platonischen K√∂rper’ fungiert hier durchwegs als allumfassendes Symbol, als Sinnbild des Universums. Die im wesentlichen auf den mannigfaltigen Assoziationsm√∂glichkeiten mit den zw√∂lf Seiten des Dodekaeders beruhende Anschaulichkeit dieser Symbolik wie auch das mit den Namen der Tierkreiszeichen versehene Silberdodekaeder von Genf und im weiteren mit Zahlzeichen versehene antike Dodekaederw√ľrfel, die (auch) f√ľr Wahrsagespiele Verwendung gefunden haben d√ľrften, deuten an, da√ü in der r√∂mischen Kaiserzeit mit einer gewissen Breitenwirkung dieser urspr√ľnglich in elit√§ren griechischen Philosophenzirkeln herausgebildeten Ansichten gerechnet werden kann. Von einem symbolistischen Gehalt unserer strikt auf die h√∂chst spezielle Pentagondodekaeder-Form beschr√§nkten Objektgruppe, deren Benennung mit gutem Recht ihren elementarsten Wesenszug aufgreift, ist daher unbedingt auszugehen. Es bleibt freilich zu diskutieren, wie eng die Anbindung an diesen Symbolismus war, ob und wie sehr er im Vordergrund stand.

Der größte Teil der annähernd 50 im Laufe der 260-jährigen Forschungsgeschichte aufgestellten Thesen zur Funktion und Bedeutung des Dodekaeders kann ausgeschlossen oder als höchst unwahrscheinlich eingestuft werden.

Die Deutung als Zierelement ‚Äď ganz abgesehen von indiskutablen Details einzelner Thesen in diese Richtung ‚Äď ist vor allem auf Grund der strikten Beschr√§nkung auf die Dodekaederform und die verschieden gro√üen √Ėffnungen auszuschlie√üen. Das gleiche gilt f√ľr das Nippesger√§t, also ein Objekt ohne eigentliche Funktion, und die Theorie vom Meisterst√ľck.

Erkl√§rungsversuche als Waffe (Keulenkopf) sind nat√ľrlich nur als kurioses Detail der Forschungsgeschichte zu betrachten.

Von den Deutungen als luxuri√∂ser Gebrauchsgegenstand bleibt ‚Äď auch ohne St√ľtzung durch die angeblichen Wachsspuren in einem Dodekaeder ‚Äď die Erkl√§rung als vielkalibriger Kerzenst√§nder diskutabel. Sie bietet zun√§chst den Vorzug, alle wesentlichen Eigenschaften des Dodekaeders, von den √Ėffnungen √ľber die Eckkugeln bis hin zur Dimensionierung des gesamten Objekts zu erkl√§ren und zugleich die symbolische Bedeutung nicht auszuschlie√üen. Weiters unterliegen wie die L√∂cher des Dodekaeders auch Kerzen keiner strengen Normierung; da√ü die √Ėffnungsr√§nder oft in sehr gutem Zustand sind, w√§re bei ausschlie√ülichem Kontakt mit Wachs durchaus verst√§ndlich. Es vereinte sich in einem St√ľck universale Gebrauchsm√∂glichkeit mit kosmischer Symbolik bzw. der daraus resultierenden eigent√ľmlichen √Ąsthetik des Dodekaeders. Die Hauptargumente gegen die Deutung als Kerzenst√§nder sind das gro√üe, teilweise unf√∂rmige Produktionslochpaar, welches nicht auf Sicht gearbeitet zu sein scheint und f√ľr die Montage des Dodekaeders spricht, sowie die sehr d√ľnne Wandung im Bereich der √Ėffnungsr√§nder bzw. das betont geringe Gewicht der meisten Dodekaeder.

Die Deutung als Entfernungsmesser ist aufgrund der √Ėffnungsradien der Dodekaeder unwiderruflich auszuschlie√üen. Die Erkl√§rung als genormtes Kaliberme√üinstrument ist wegen der fehlenden Norm der √Ėffnungen unm√∂glich, jene als Lehre f√ľr den individuellen Gebrauch in der Werkstatt zwar theoretisch denkbar, aber abzulehnen, weil durch die Produktions√∂ffnungen unn√∂tigerweise ein Lochpaar nicht f√ľr Vermessungen herangezogen werden kann, das Dodekaeder keinerlei Markierungen der Seiten aufweist, bei zu vielen Dodekaedern die R√§nder der gebohrten √Ėffnungen unben√ľtzt, wie neuwertig wirken und (auch) einfachere metallene Lehren unbedingt zu erwarten w√§ren. Alle anderen Erkl√§rungen als Me√üinstrument (Normgewicht, landwirtschaftlicher ‘Sonnenkalender’ usw.) sind, unabh√§ngig von ihrer bereits grunds√§tzlichen Abwegigkeit betrachtet, mit den physischen Gegebenheiten der Dodekaeder unvereinbar.

Von den Erkl√§rungen als Spielger√§t soll hier nur noch an die zwei wichtigsten erinnert werden. Die Deutung als Bestandteil eines Bilboquet-Sets ist zwar meines Erachtens √ľberaus reizvoll und lie√üe sich mit dem Grabbefund von Gellep in Einklang bringen, ist jedoch aufgrund der Verletzungsgefahr bei gleichzeitiger Fragilit√§t des Objekts sowie der vielen bestens erhaltenen √Ėffnungsr√§nder ‚Äď leider ‚Äď sehr unwahrscheinlich. Die Bewertung als v√∂llig profanes Spiel ohne Hintergr√ľndigkeit ist wegen der ausschlie√ülichen Beschr√§nkung auf die Dodekaederform undenkbar. Auch eine Erkl√§rung als gew√∂hnlicher Spielw√ľrfel ist aufgrund der Formgebung und der √Ėffnungen bzw. fehlender Markierungen unm√∂glich.

Die Deutung als Wahrsagew√ľrfel ruft tats√§chlich zum W√ľrfeln verwendete antike Dodekaeder in Erinnerung. Die Eckkugeln sind dabei zwar nicht weiter hinderlich, w√ľrden hier aber nur dann eine Daseinsberechtigung besitzen, wenn sie eine Schutzfunktion erf√ľllten. Da die unterschiedliche Gr√∂√üe der √Ėffnungen jedoch entschieden der These widerspricht, sie seien mit einer verg√§nglichen, empfindlicheren Substanz (Wachs, Bein …), die als Tr√§ger f√ľr ein Zeichen oder Symbol gedient h√§tte, verschlossen gewesen, ist auch diese Theorie auszuscheiden. Die einzige w√ľrfel√§hnliche Verwendung (in Verbindung mit Wahrsagerei), die die L√∂cher des Dodekaeders hinreichend bedingen w√ľrde und deshalb ‚Äď theoretisch ‚Äď in Betracht kommt, ist jene, bei der ein Gegenstand hineingesteckt werden m√ľ√üte. Hierzu fehlen freilich gesicherte Vergleichsbeispiele, au√üerdem verwundern neuerlich Eckkugeln und unregelm√§√üige √Ėffnungen.

Bleibt die vorrangige Erkl√§rung als Symbol. Hier kommt aus den geschilderten Gr√ľnden nur die Ankn√ľpfung an ‚Äď im weitesten Sinn ‚Äď platonisch-pythagor√§isches Gedankengut in Frage, welches das Dodekaeder f√ľr die r√∂mische Antike unzertrennlich mit universalistisch-kosmischen bis astral-magischen Vorstellungen verkn√ľpft.

Das grundlegende Dilemma der Deutungsbem√ľhungen besteht weiterhin darin, die unterschiedlich gro√üen, nach einer n√ľtzlichen Funktion geradezu verlangenden, jedoch weitgehend systemlos angeordneten √Ėffnungen mit der geistesgeschichtlich bedeutungsschweren geometrischen Grundform in Einklang bringen zu m√ľssen.

Mehr denn je spricht f√ľr eine Montage des Dodekaeders auf einem Schaft. Zum bislang wichtigsten Argument, dem gro√üen Produktionslochpaar vieler Dodekaeder, das √ľberdies bisweilen auch Besch√§digungen durch Gewalteinwirkung zeigt, sowie dem geringen Gewicht, dem passenden Gr√∂√üenspektrum und dem vorteilhaften Nebeneffekt, da√ü die ungegl√§ttete Innenseite, die noch allerlei Spuren vom Gu√üverfahren zeigt, kaum mehr zu sehen ist, kommt die neu zu bewertende Fundsituation des Dodekaeders von Gellep, seine Lage in unmittelbarer N√§he eines schaftartigen Beinst√ľcks hinzu. Wie ein Griff war es bei der Auffindung auf das Dodekaeder ausgerichtet, und der ungef√§hr zu bestimmende Durchmesser des Objekts korrespondiert mit dem gr√∂√üten √Ėffnungspaar des Dodekaeders.

Eine weitere Unterst√ľtzung findet diese Theorie im Ikosaeder von Arloff, f√ľr das mit gutem Grund eine Montage angenommen werden kann. Aufgesteckt bleibt freilich im Grunde nur noch eine g√§nzlich symbolische Funktion √ľbrig. Damit ist das Dodekaeder zweifelsohne als Aufsatz eines Stabes, einer Art ‘Szepter’ mit symbolhafter Bedeutung zu bezeichnen, als W√ľrdezeichen oder Insignum bzw. Instrument kosmisch-astraler Macht. Druiden, die aufgrund des Verbreitungsgebietes der Dodekaeder ins Spiel gebracht wurden, kommen wegen der Fundumst√§nde, der zeitlichen Einordnung und der H√§ufigkeit kaum als Besitzergruppe in Frage, sehr wohl jedoch Personen, die druidischen Traditionen nahestehen. Wegen des r√∂misch-kaiserzeitlichen Umfeldes und der Pentagondodekaeder-Grundform darf dabei jedoch das keltische Element keinesfalls √ľberbewertet werden.

Da√ü kein mit Edelmetall √ľberzogenes Dodekaeder bekannt ist, mutet im Falle einer repr√§sentativen Funktion wie dieser etwas seltsam an und w√§re als weiteres Indiz daf√ľr anzusehen, da√ü man sich hier keineswegs in einem erlesenen, elit√§ren Zirkel von Eingeweihten bewegt, sondern vielmehr an niedererere Astrologie, Wahrsagerei, Magie und Theurgie zu denken ist, an das Ger√§t eines einfachen Astromanten, eines Hellsehers oder Zauberers, eines gemeinen Alchemisten oder Quacksalbers, der durchaus auch einem ‘weltlichen’ Beruf nachgegangen sein mag oder seine besonderen F√§higkeiten und K√ľnste in der Freizeit zur Entfaltung brachte und anbot. Derlei Personen d√ľrften in der fortgeschrittenen r√∂mischen Kaiserzeit, einer Periode zunehmender Verunsicherung durch Bedrohungen von au√üen und wachsender Sterngl√§ubigkeit durch Impulse aus dem Osten, gewi√ü an jedem gr√∂√üeren Ort der Nordwestprovinzen, sei es in Zivilsiedlungen oder in Milit√§rst√§tten, in privater Atmosph√§re aber auch in halb√∂ffentlichem Rahmen, vermehrt aufgetreten sein. Von einer symbolischen Rolle des Materials ist, auch wenn ein kaiserzeitliches √§gyptisches Zauberpapyrus die Nutzung des Elements Kupfer im Rahmen der Erstellung von Horoskopen belegt, angesichts der Gew√∂hnlichkeit des Werkstoffes und seiner produktionstechnischen Bedingtheit nicht auszugehen.

Das gro√üe Fragezeichen hinter der Montage des Dodekaeders stellen immer noch die verbleibenden zehn verschieden gro√üen √Ėffnungen dar. Da eine reine Zierfunktion nicht in Betracht kommt und eine praktische Funktion bei durchgestecktem Schaft absurd scheint, ist darin Symbolismus zu suchen. Hier kommt im Grunde nur neuerlich Astralsymbolik in Erg√§nzung zur Dodekaeder-Form in Betracht; wie sie im Detail ausgesehen haben mag (Sonne, Mond, Planeten, Sterne; verschiedene Phasen eines Gestirns?), l√§√üt sich kaum eruieren. Bei theurgischen Prozeduren ist es unerl√§√ülich, das zu beschw√∂rende Wesen bei allen seinen Namen zu nennen und so s√§mtliche seiner Eigenheiten zu erfassen, um damit die Einflu√ünahme zu vergr√∂√üern. Die verschieden gro√üen √Ėffnungen des Dodekaeders k√∂nnten hier eine erg√§nzende Funktion √ľbernommen haben. Und wer wei√ü, vielleicht sollten die √Ėffnungen gar dazu dienen, die astrale Macht in das Innere des Ger√§tes hineinzuzwingen. Auch wenn das alles Spekulationen sein m√∂gen und die Frage nach der genauen Funktion und Bedeutung offen bleiben mu√ü, stehen diese kreisrunden √Ėffnungen nicht im Widerspruch mit der Montage. Im √ľbrigen ist darauf hinzuweisen, da√ü bei anderen Theorien weitaus st√§rkere Einw√§nde und Gegenargumente vorgebracht werden k√∂nnen.

Bis auf weiteres ist der Deutung des Dodekaeders als kosmisch-allumfassendes Zeichen am meisten Wahrscheinlichkeit beizumessen. Es mag die einem Amulett vergleichbare Funktion besessen haben. Als eine Art Szepteraufsatz mit symbolistischer Funktion d√ľrfte es aber dar√ľberhinaus bei astromantischen bis theurgischen Praktiken als astral-magisches Ger√§t, als Instrument zur Befragung der Sterne oder Einflu√ünahme auf G√∂tter bzw. D√§monen gedient haben.

Nun ruht die Hoffnung auf einer noch genaueren Untersuchung der bekannten Dodekaeder, vor allem aber auf weiteren Exemplaren, die der Forschung in absehbarer Zukunft zweifelsohne zur Verf√ľgung stehen werden. Von gro√üem Nutzen erweist sich bei der Erschlie√üung s√§mtlicher verf√ľgbarer Quellen und Daten bereits jetzt die weltweite Vernetzung, Artikel im Internet und Wissensaustausch √ľber eMail. In Museen und Privatsammlungen harrt noch eine Vielzahl von Dodekaedern ihrer Entdeckung, mit gr√∂√üter Spannung aber wird sich das Augenmerk auf Frischfunde aus geregelten wissenschaftlichen Grabungen mit aussagekr√§ftigen Zusammenh√§ngen richten. Dem gl√ľcklichen Finder m√∂ge beschieden sein, dieses Dodekaeder in einem aussagekr√§ftigen Zusammenhang wohlerhalten anzutreffen. Bis dahin gilt, was Daniel Bruckner bereits 1763 so trefflich formulierte:

ETWAS GEWISSES HIEVON ZU BESTIMMEN WAERE EIN GEWAGTES

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Michael Guggenberger (geb. 1. 1. 1971), Klassischer Archäologe, St. Nikolausgasse 14, 6020 Innsbruck, tonmeister@saegewerk.org

Literaturhinweise:
M. GUGGENBERGER, Die römischen Dodekaeder. Eine Gesamtdarstellung (Dipl. Innsbruck 1999).
M. GUGGENBERGER, Etwas Gewisses hievon zu bestimmen waere ein Gewagtes.
260 Jahre Dodekaeder Forschung, Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 80/2000 (2001), 67-84.

M. GUGGENBERGER, Zwei r√∂mische Dodekaeder in Enns, Mitteilungen des Museumvereines Lauriacum ‚Äď Enns, Heft 38, 2000, 15-18.

B.A. GREINER, Römische Dodekaeder. Untersuchungen zur Typologie, Herstellung, Verbreitung und Funktion, in: CarnuntumJb 1995 (1996) 9-44.
R. NOUWEN, De Romeinse Pentagon-dodecaeder. Mythe en enigma, Publikaties van het Provinciaal Gallo-Romeins Museum te Tongeren 45 (1993).

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© Michael Guggenberger

Laboratory | von Guggi